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Geschichte des Klosters Engelthal
Besiedelung und Christianisierung
Verbunden mit der bayrischen Besiedlung von Süden nach Norden ist die Christianisierung dieses Gebiets. Die älteste Pfarrei der näheren Umgebung ist Rasch. Von dieser Mutterkirche wurde vielleicht um 700 die Kirche in Offenhausen gegründet. Sie entwickelte sich bald selbst zur Urpfarrei eines zunächst dünn besiedelten Gebietes. Mit dem Anwachsen der Bevölkerung erfolgte von Offenhausen aus die weitere Erschließung in drei Richtungen. So entstanden drei neue Mutterpfarreien: Neunkirchen a. Sand, Altensittenbach und Happurg.
Zur Zeit der salischen Kaiser – nach 1024 – erfolgte von Westen her ein großer Siedlerstrom, der die Bevölkerungszahl verdoppelte. In der Mitte des 11. Jahrhunderts wurde die alte Kirche von Offenhausen neu und größer gebaut und fast gleichzeitig eine Kirche in Swinach – dem heutigen Engelthal – gegründet. Beide Neubauten weihte zwischen 1057 und 1060 der Eichstätter Bischof Gundekar II. An diese Kirche erinnert die ehemalige Kapelle St. Willibald gegenüber dem Portal der Johanneskirche.
Das Tal, das der Offenhausener Bach – heute Hammerbach – durchfließt, das bei Henfenfeld ins untere Pegnitztal mündet, war längst christianisiert, bevor das Kloster Engelthal entstand.
Anfänge des Klosters
Wesentlich für das Kloster Engelthal ist das reichbegüterte Geschlecht der Königsteiner. Die Macht der Königsteiner reichte weit. Auf der Bergspitze zwischen Förrenbach- und Kainsbachtal – da, wo der Königsteiner Vogt- und Eigenbesitz dicht gedrängt war – erbaute Ulrich II. von Köngstein vor 1238 die Burg Reicheneck. Der arrogante Name „Reiches Eck“ zeigt das Selbstbewusstsein, aber auch das Ansehen der Königsteiner.
Am Anfang des Klosters steht eine Gruppe von Beginnen. Die Armutsbewegung der Bettelorden erfasste in den Städten vor allem Frauen, die keine Aufnahme in Klöster finden konnten. Sie bildeten wilde Konvente außerhalb der kirchlichen Aufsicht; man nannte sie Beginen. Es gab zu wenig Frauenklöster. Als Nürnberg 1239 nach der Bannung Kaiser Friedrichs II. mit dem Interdikt belegt wurde, das jede kirchliche Handlung verbot, flüchteten viele Beginengruppen aufs Land.
Der Reichsministeriale Ulrich II. von Königstein nahm 1240 eine dieser Beginengruppen unter der Führung von Adelheid Rotterin auf und überließ ihnen einen Meierhof in Engelschalksdorf. Er begründete damit den Anfang eines Frauenklosters. Von einem Klosterleben war in Engelschalksdorf noch keine Rede. So gab es keine Klausur. Die Beginen arbeiteten auf dem Feld und erbauten sich eine Kapelle, die dem Hl. Lorenz geweiht war. Wer die Weihe vornahm, ist nicht bekannt. Zur geistlichen Betreuung kamen auch keine Priester. man darf daher diese Gemeinschaft nur als Vorstufe für ein Kloster ansehen.
Den reichen Königsteiner traf einer schwerer Schlag: Sein Enkel Ulrich, auf den er alle seine Hoffnungen gesetzt hatte, stürzte in der Nähe von Engelschalksdorf vom Pferd und starb kurz danach, obwohl ihn die Frauen auf ihrem Hof pflegten. Das Geschlecht der Königsteiner war zum Aussterben verurteilt. Ulrich II. sah in dem Tode seines Enkels bei den Beginen offenbar einen Fingerzeig Gottes. So schenkte der 1243 den Frauen das gesamte Dorf Swinach zur Errichtung von Klosterbauten.
1243 wurde das Dorf Swinach in Engelthal umbenannt, denn der Name Engelthal sollte der Lage der Klostergründung Rechnung tragen. Der Name Swinach, der nicht recht zu einem Frauenkloster passte, war bereits 1243 in „Engelthal“ umgewandelt worden. Das Bestimmungswort „Engel-„ war von dem Ortsnamen Engelschalksdorf übernommen worden. Das Grundwort „-thal“ dagegen war häufig bei Dominikanerklöstern üblich: Katharinenthal, Seligenthal, Wonnenthal ... Es beweist aber auch, dass der Königsteiner bei seiner Stiftung im Jahre 1243 sich bereits für den Dominikanerorden entschieden hatte.
Christine Ebener, die berühmte Klosterfrau von Engelthal, beschreibt das in ihrem Büchlein von der Gnaden Überlast: Der Stifter, Herr von Königstein, der hieß ausrufen und ausschreien, dass das neue Kloster Engelthal heißen sollte und nicht nach dem Dorfe Schweinach.
Die Stiftung des Klosters
Das Stiftungsjahr des Klosters ist umstritten. Sicher ist, dass am 9. Juni 1244 Bischof Friedrich II. von Eichstätt der Vorsteherin Adelheid und dem neu gegründeten Konvent die Klostergründung bestätigte. Die Frauen von Engelthal entschieden sich für die Regeln der Dominikanerinnen. Am 12. September 1248 unterstellte Papst Innozenz IV. zu Lyon die Priorin und den Konvent dem Magister und dem Prior der deutschen Provinz des Dominikanerordens. Alle Privilegien und die für sie passenden Institutionen der Dominikaner traten damit auch für die Nonnen von Engelthal in Kraft. Das Frauenkloster von Engelthal erhielt das Recht auf Besitz. Da die Beginen nun Grundbesitz aufweisen konnten, stand der Aufnahme in einen Orden nichts mehr im Wege.
Die Klosterbauten in Engelthal entstanden in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. An das alte Dorf Swinach erinnert heute nur mehr die oben genannte, 1057/60 von Bischof Gundekar II. von Eichstätt geweihte, Willibaldskapelle. (Die heute erhaltenen Teile der ehemaligen Kapelle St. Willibald wurden eventuell im 14. Jahrhundert errichtet. Die Willibaldskapelle diente wohl seit 1811 als Scheune).
Die Klosterkirche war dem Hl. Johannes dem Täufer geweiht, sie wurde um 1265 eingewölbt. An sie schloss sich südlich der rechteckige Klosterhof an, um den sich die Konventsgebäude gruppierten. Die Wirtschaftsbauten umgab man mit einer teilweise heute noch sichtbaren Steinmauer. Von den drei Toren sind noch zwei erhalten.
Durch reiche Schenkungen der Erben des Klosterstifters – der Schenk von Reicheneck – von Reichsministerialen und von Nürnberger Bürgern stiegen die Besitzungen der Nonnen in den folgenden hundert Jahren gewaltig an. Bereits 1312 – als die alte Priorin Elsbet Schenkin von Klingenburg das erste Salbuch des Klosters schreiben ließ – besaß der Konvent etwa 175 Anwesen in 54 Orten. Bis 1350 hatten die Nonnen weitere 70 Höfe, Güter oder Grundstücke erworben. Weit über 100 Konventualinnen lebten im Kloster.
Die Agrarkrise in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts lähmte die Wirtschaftskraft des Adels. Die Schenkungen ließen nach. Nun konnte das finanzkräftige Kloster den Besitz erweitern und abrunden. Entfernte Güter wurden abgestoßen, nahe gelegene aufgekauft. So entstand im Hammerbachtal eine fast geschlossene klösterliche Grundherrschaft.
Engelthal – Ein Ort der Mystik
Engelthal war auf dem Höhepunkt seines klösterlichen Lebens ein Ort der Mystik. Es stand wie andere Dominikaner- und Dominikanerinnenklöster in dieser besonderen religiösen Tradition. Es waren vor allem Dominikaner wie Meister Eckhart (um 1260–1328), Heinrich Seuse (um 1295-1366) und Johannes Tauler (um 1300-1361), die zu den großen deutschen Mystikern gerechnet werden. Über das Kloster hinaus bekannt und berühmt waren auch die beiden Engelthaler Nonnen Christine Ebner (geb. 26. März 1277, gest. 27. März 1356) und Adelheid Langmann (geb. 1311, gest. 23. November 1375).
Christine Ebner hat in ihrem Büchlein von der Gnaden Überlast das Leben der mystischen Nonnen in Engelthal im 13. und 14. Jahrhundert beschrieben. Im Auftrag ihrer Oberin sammelte und überlieferte sie die Visionen, die Erscheinungen und das Gebetsleben ihrer Mitschwestern und derer, die dem Kloster Engelthal verbunden waren.
Christine Ebner schreibt über den Anfang des Klosters Engelthal und die Menge der Gnaden, die Gott mit den Klosterfrauen getan hat im Anfang und jetzt später. Sie beschreibt ihre Mitschwestern und Mitbewohner des Klosters, wie sie im Gebet und in der geistlichen Betrachtung versunken sind. Von heiligem Eifer getrieben, üben sie sich in Askese und körperlichen Selbstqualen. Sie geraten in Ekstase, schauen die irdischen und himmlischen Seligkeiten, durchleben und durchwandern die Hölle und ihre Qualen. Christine Ebner beschreibt Gotteserfahrungen: Die Frauen begegnen dem Dreieinigen Gott, vereinigen sich mit Christus selbst, stehen vor den Aposteln und Heiligen und hören die Botschaft der Engel. Ihre Gotteserfahrung wird gleichzeitig auch zur Selbsterfahrung: Sie sehen die Vergangenheit ihrer unerlösten Seelen und die Geheimnisse der Zukunft offenbaren sich ihnen.
Christine Ebner selbst trat mit 11 Jahren 1289 in das Kloster Engelthal ein und wurde später selbst Priorin dieses Klosters. Im Alter von 14 Jahren begann sie, Visionen zu erleben. Ihr reiches religiöses Innenleben wurde schnell bekannt. Schon bald hielt man sie für eine Heilige. Ihrem Beichtvater, dem Dominikaner Konrad von Füssen, berichtete sie über ihre Visionen und Gesichte. Eine autobiographe Sammlung von Berichten über das, was sie sah und erfuhr, hat sie auf Anregung von Konrad hin aufgezeichnet.
Wie bekannt Christine Ebener war, das zeigt der Besuch König Karls IV. am 28. Mai 1350 in Engelthal. An demselben Tag, da kam der römische König Karl zu ihr und ein Bischof und drei Herzöge und viele Grafen, die knieten vor ihr nieder, dass sie ihnen zu trinken gäbe und den Segen, mit großer Begierde.
Fast gleichzeitig mit Christine Ebener lebte in Engelthal eine andere Frau im Kloster, die ähnlich ausgeprägte und starke Visionen und Offenbarungen hatte: Adelheid Langmann. Auch die Offenbarungen der Adelheid Langmann sind aufgezeichnet und überliefert. Ihre Offenbarungen beschäftigen sich auch mit liturgischen Fragen und Einsichten: Sie beschreiben das Kirchenjahr und den tieferen Sinn kirchlicher Kulthandlungen.
Beten – Schreiben – Lesen. Literarisches Leben und Marienspiritualität im Kloster Engelthal
In ihrer Dissertation: „Beten – Schreiben – Lesen. Literarisches Leben und Marienspiritualität im Kloster Engelthal“, in der Reihe „Bibliotheca Germanica“ Band 42 im A. Francke Verlag, Tübingen und Basel, 2003 beschreibt Johanna Thali die umfangreiche und vielfältige Literaturproduktion des Kloster Engelthal im 14. Jahrhundert. An ihr beteiligten sich eine beachtliche Zahl von Nonnen und Seelsorgern. Überliefert sind: Die Gnadenvita des Klosterkaplans Friedrich Sunder. Im Fragment die ‚Vita der Schwester Gertrud von Engelthal’. Die Gnadenvita der Adelheid Langmann. Das Engelthaler Schwesternbuch ‚Von der genaden uberlast’. Und das Engelthaler Bücherverzeichnis von 1447.
Die Arbeit von Johanna Thali setzt sich – am Beispiel der Engelthaler Schriften – mit der Tradition der Viten- und Offenbarungsliteratur der Süddeutschen Dominikanerinnenklöster auseinander. Dabei hat die Figur der Maria für die mittelalterliche Frömmigkeitsgeschichte eine zentrale Bedeutung.
Die Funktion der Texte ist im weitesten Sinn Lebenshilfe und Sinnvermittlung. Die Texte sind keine theoretischen theologischen Abhandlungen sondern veranschaulichen heilsrelevantes Wissen, das für das alltägliche Leben der Nonnen und ihre Identität ausschlaggebend ist. Sie visualisieren das (unsichtbare) Gnadengeschehen der Messe, den Sinn des Gebetslebens einer Ordensfrau als Braut Christi im Dialog mit dem himmlischen Bräutigam, sie stellen immer wieder den Sinn und die Wirkmächtigkeit des Fürbittengebets unter Beweis und vermitteln Zuversicht im Hinblick auf Sterben, Tod und ewiges Leben.
Die Verbreitung der Engelthaler Literatur mag nach außen der materiellen Absicherung des Klosters gedient haben. Die Mystik Engelthals war in Deutschland bekennt. – Hier hat auch die als Heilige verehrte Christine Ebner ihre Bedeutung. Dem Besuch der Nonne Christina Ebner von König Karl IV im Jahr 1350 folgten der Burggraf von Nürnberg und viele Bischöfe. Die Mystiker Tauler und Seuse standen mit der begnadeten Nonne im Briefwechsel.
Die Texte aus Engelthal zeigen, dass Engelthal ein Ort göttlichen Gnadenwirkens war. Das Kloster war attraktiv für eine Grablege, für Stiftungen von Seelenmessen, als Ort, an den man die Töchter hingibt oder seinen Lebensabend als Pfründner verbringt.
Engelthal – Tal der Engel?
Nomen est omen – lautet ein altes lateinisches Sprichwort: Der Name ist Vorzeichen. Er hat tiefere Bedeutung, einen tieferen Sinn. – So könnte man dieses Sprichwort übersetzen.
Engelthal – vallis angelorum, Tal der Engel, wie es auch genannt wurde. Welche Bedeutung und welchen tieferen Sinn hat dieser Name? Der Name Engelthal spricht von Engeln. Vielleicht gab es und vielleicht gibt es Engel in diesem Tal, das diesen Namen trägt. Vielleicht war und ist es wirklich ein Tal der Engel?
Engelthal hat seine Geschichte mit Engeln. Denn zur Mystik gehören Engel. Mystik ist engelgleiche Gotteserkenntnis. So wie Engel erkennt der Mystiker sich und Gott ganz unmittelbar. Der Mystiker hat Anteil an Gott. Er hat die Grenzen von Raum und Zeit überschritten. Die mystischen Erfahrungen der Frauen im Kloster Engelthal sind engelgleiche Erfahrungen. Sie sahen, hörten und erfuhren Gott ganz unmittelbar. Sie begegneten in ihren Visionen den Engeln Gottes. Sie selbst wurden zu Engeln und zu Boten Gottes.
Das Ende des Klosters
1504 gewann Nürnberg im bayrischen Erbfolgekrieg die Landeshoheit über Engelthal. Um das Kloster zu reformieren setzte der Rat der Stadt Nürnberg zehn reformierte Nonnen aus dem Katharinen-Kloster zu Nürnberg ein und brachte die Priorin Margarete von Kürmreuth nach Nürnberg. Als Nachfolgerin wurde Barbara Tucher eingesetzt. Der Versuch der Reform war wenig erfolgreich.
Der Rat setzte einen Pfleger ein. Er übernahm die Rechnungsführung der klösterlichen Wirtschaft. Engelthal war eine große Grundherrschaft mit 327 Höfen und Gütern in 66 Orten, die einen Wert von 31840 fl. darstellten. Unter heftigem Protest schaffte man 1514 die Urkunden und Salbücher des Klosters nach Nürnberg.
1517 begann mit Luthers Thesenanschlag in Wittenberg die Reformation in Deutschland. 1524/1525 bekannte sich Nürnberg als erste freie Reichsstadt zur Reformation und löste sich von der römischen Kirche. Den Klöstern im reichsstädtischen Territorium verbot man die Aufnahme von Novizen; sonst blieben sie aber unangetastet. Dennoch lösten sich in Nürnberg die meisten Klöster selbst auf. Während des Bauernkriegs brachte man die Engelthaler Frauen nach Nürnberg und hoffte, dass sie nach Niederschlagung des Aufstandes nicht mehr in ihr Kloster zurückkehren würden. Doch entschieden sich die meisten Nonnen für Engelthal. Noch im Jahr 1530 lebten 24 Konventualinnen im Kloster.
Engelthal wurde 1552 von markgräflichen Soldtruppen völlig niedergebrannt. Die Nonnen wurden nach Nürnberg gebracht. 1554 kehrten zehn Frauen in notdürftig hergerichtete Bauten zurück. Die Kirche und weitere Konventsbauten in Engelthal wurden zwischen 1557 und 1563 wieder errichtet.
Beim Wiederaufbau schuf man sechs Bauernhöfe mit je 45 Morgen Ackerland und sechs Tagwerk Wiesen. Die Fluren des unvererbten Sallandes um das Kloster, die vorher durch Frondienste bearbeitet worden waren, hatte der Rat nun aufgeteilt. Weiter entstanden nun sieben Güter für Köbler (= Kleinbauern). Kleinere Flächen verteilte man an den Wirt, dessen Erbschenkstatt „Zum goldenen Engel“ an das Engelthaler Wappen erinnert, an den Erbschmied, den Schafmeister, den Bader, Müller und Metzger. Engelthal war – wie sein Vorgängerort Swinach – wieder ein Dorf geworden
Für den Pfleger schuf man in den Wirtschaftsgebäuden zunächst eine Notunterkunft. Nach dem Tod der letzten Nonnen sollte er in den Konvent einziehen. Der Garten bis zur südlichen Ringmauer stand ebenfalls dem reichsstädtischen Pfleger zur Verfügung.
1565 übergaben die beiden letzten Nonnen – die Priorin Anna Tucher und die Nonne Ursula Zeißin – dem Rat der Stadt Nürnberg offiziell den gesamten Besitz des Klosters.
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